Wie ich mit Fünfzig noch einmal eine Unschuld verlor

Sie war vermutlich meine erste große Liebe. Ich war vier oder fünf Jahre alt und total vernarrt in sie. Sie war Anfang 20, eine typische Schwedin, hieß Ann-Brit und hatte obligatorische blonde Haare. An mehr erinnerte ich mich nicht, aber das langte völlig, um das schöne Gefühl wachzurufen, das ich damals hatte. Meine Eltern hatten uns ein Puzzle besorgt, mit dem Motiv einer kleinen schwedischen Hafenstadt mit bunten Häusern in der Mitternachtssonne, und das puzzelte ich mit Ann-Brit, unserem schwedischen Au-Pair-Mädchen. An mehr Szenen mit ihr erinnerte ich mich ebenfalls nicht, aber auch das langte.
Zuvor hatten wir schon ein anderes Au-Pair-Mädchen gehabt. Genevieve hieß sie und stammte, wie der Name vermuten lässt, aus Frankreich. An sie habe ich keine Erinnerungen mehr. Meine Mutter erzählte manchmal von ihr, sie habe morgens immer in Unterwäsche Gymnastik im Garten unseres Reihenmittelhauses gemacht, was der Nachbar zur Linken immer gaffend verfolgt habe. „Mit Stielaugen am Fenster gestanden hat der.“ Woher sie das wusste, habe ich sie nie gefragt.
Es war Spätsommer und meine Mutter lag im Krankenhaus. Schlaganfall. Ich besuchte sie auf der Intensivstation, wo sie halbwach in einem Bett lag, in einem Krankenhausnachthemd und nur dünn von einem Laken bedeckt, sie, die doch dicke Decken immer so geliebt hatte. Ich nahm mir einen Stuhl und setzte mich. Am Metallrahmen blätterte der Chrom, im Kunstlederüberzug mäanderten Risse.
Um sie in ihrem Zustand und mit ihrer Demenz nicht zu strapazieren, hielt ich es für besser, nicht über ihren aktuellen Zustand zu sprechen, sondern ein lang vergangenes Thema zu wählen. Und da meine Au-Pair-Erinnerungen dünn waren, fragte ich sie nach Ann-Brit.
„Das schwedische Au-Pair-Mädchen? Na klar erinnere ich mich an sie.“
„War die vor Genevieve bei uns oder danach?“
„Danach natürlich.“
Aha. Das erklärte, warum meine Erinnerungen an Ann-Brit besser waren. Oder vielleicht war es doch mein stärkeres Interesse an ihr.
„Weißt du noch, wann die beiden bei uns waren?“
„Ach nein. Das ist so lange her.“
„Naja, an Ann-Brit erinnere ich mich noch gut.“ Wie gesagt, an das Gefühl.
„So?“ Ihre Stimme klang heiser. „Genevieve ist jeden Morgen in Unterwäsche im Garten herumgehopst. Da hat der von nebenan immer mit Stielaugen am Fenster gestanden.“
Wie ich schon sagte.
„Die war auch lange bei uns. Ann-Brit ja nicht.“
?
„Wieso? War die denn nicht genauso lange da? Au-Pair ist doch immer dasselbe.“
„Nö. Das ging irgendwann nicht mehr.“
Sie richtete sich etwas auf, schob sich die Kabel, die unter ihrem Nachthemd hervorkamen und in einem Gerät neben dem Bett wieder verschwanden, von der Schulter.
„Die Ann-Brit war im Kirchenchor. Der ist damals nach Worms gefahren für ein Probenwochenende. Und da hat sich wohl einer vom Orchester über sie hergemacht. Als sie Sonntags wieder zu uns kam, war sie völlig durcheinander. Hat nur geweint. Sie war dann noch ein paar Tage da, aber das ging dann nicht mehr. Dann kam ihr Bruder und hat sie zurück nach Schweden geholt.“
Der Baum vor dem Fenster schwankte im Wind. Es war dunkel geworden im Zimmer, das Deckenlicht war aus, nur das Flurlicht und die vielen Geräte hinter ihrem Bett leuchteten.
Ich sah hinaus und suchte etwas Himmel zwischen den Blättern. Im Bett lag meine Mutter, alt, müde, die Augen schon wieder geschlossen. Hier saß ich, mit einem Schlag älter geworden und trauriger. In meinem Kopf kämpfte ein Dutzend Fragen darum, zuerst gedacht zu werden, und Bilder erschienen. Von einer zwanzigjährigen Schwedin, die fröhlich nach Deutschland gekommen war um mit mir Schwedenpuzzles zu lösen, und zerstört nach Hause fuhr, ohne dass ich irgendetwas davon behalten hatte.
Glückliche Kindheit.