Frederick Forsyth: Der Fuchs

Rezension des Romans „Der Fuchs“ von Frederick Forsyth

Normalerweise lese ich Bücher, die man irgendwie als „Literatur“ bezeichnen würde, Kunst in irgendeiner Art und Weise.

Aber manchmal, zum Beispiel im Urlaub, liebe ich es, einen Thriller zu lesen, ein Buch, in das man sich so richtig reinfressen kann. Und dann sind Genre-Meister wie Tom Clancy oder eben Frederick Forsyth genau richtig, vor allem, wenn man sie auf dem Grabbeltisch findet.

Dieses Buch ist ein typischer Vertreter der Gattung Agententhriller. So Forsyth versteht es meisterhaft, Spannung zu erzeugen – mit den üblichen Mitteln natürlich, Handwerk, nicht Kunst: mehrere Erzählstränge, die sich abwechseln, Kapitel-Cliffhanger, Leser-Vorwissen etc

Aber mehr darf man nicht erwarten. Alle Figuren sind Stereotype, wenn nicht Klischees: Die Guten sind immer exzellent in ihrem Beruf, vom einfachen Soldat bis zum Agentenchef, die Bösen sind auch gut in ihrem Beruf, sonst wären sie keine würdigen Gegner, aber eben nie so gut wie die Guten. Politiker taugen nichts, außer der oder die eine, der als Ausnahme die Regel bestätigt. Böse sind nicht einfach nur böse, sondern abgrundtief böse. Für den Killerjob bucht Moskau nicht irgendeinen Killer, sondern die für ihre brutale Gewalttätigkeit bekannten (?) Tschetschenen oder Albaner. Nutzt Forsyth ein Klischee, oder produziert er es? Wohl beides, und das macht die Sache dann ärgerlich. 

Noch ein Beispiel: Ein Soldat und eine Zivilistin verlieben sich. Sie ist gerade Witwe geworden, er ist praktischerweise bereits seit Jahren Witwer, (sonst wäre es ja unmoralisch). Dann haben sie erstmals Sex, wozu sie sich zu ihm schleicht – er ist zu sehr Soldat, um zu ihr zu gehen (?). Und dann: „Sie hatten nur wenig gesprochen, hatten einfach miteinander geschlafen, er mit eisenharter Kraft, sie mit der Leidenschaft eines lange unterdrückten Verlangens.“ Eisenharte Kraft? Kann ein durchtrainierter Soldat nicht romantisch sein? Darf er nicht? Will er nicht? Und was ist eisenharte Kraft beim Sex? Es ist ja nicht so, als gäbe es nur Blümchen-Sex. Aber hat er dabei 100 Liegestütze absolviert, oder sie im Rhythmus auf und ab gestemmt? Wie gesagt, Klischees allenthalben.

Holzschnitt ist eine Kunstform, die ohne Grautöne auskommt, nur mit schwarzen Flächen auf weißem Papier ihre Wirkung erzielt. Sie versucht damit aber keine naturalistische Abbildung einer Wirklichkeit, sondern durch die Abstraktion eine neue Sichtweise zu präsentieren. Die Figurenzeichnung bei Forsyth (und übrigens auch Clancy) als holzschnittartig zu bezeichnen, sollte nicht als Kompliment verstanden werden. 

Noch problematischer ist sein Umgang mit Fakten. Er ist hervorragend informiert über historische und politische Zusammenhänge. So benennt er bereits 2018 Russlands Verhalten gegenüber der Ukraine als Krieg – eine Position, die man so klar in Deutschland nicht gehört hatte. Und er berichtet durch seine Romanfiguren von Russlands strategischem Versuch, Europa abhängig zu machen von den eigenen Gaslieferungen. Aus heutiger Sicht prophetisch. Aber als Roman muss sich seine Erzählung immer auch an einem bestimmten Punkt von der Wahrheit verabschieden. Als Beispiel: Im Roman kommt das russische Kriegsschiff Nachimow vor. Das Schiff gibt es wirklich, es liegt seit Jahren in der Werft für Modernisierungen. Abschluss: offen. Im Roman stimmen die Größenangaben, die Details, aber die Modernisierungen sind abgeschlossen und es ist im Einsatz. So weit, so harmlos.

Aber wo hört die Wahrheit auf und beginnt die Fiktion, wenn er das koreanische Atomwaffenprogramm vorkommen lässt, die Gespräche zwischen dem US-Präsidenten Trump (nicht namentlich erwähnt) und dem koreanischen Diktator Kim Jong-un (namentlich erwähnt) und Gründe für den damaligen Abbruch? Facts or Fiction? Erfährt der Leser hier politische Hintergründe, die nicht in jeder Zeitung standen, oder wird man unmerklich indokriniert, hält die Abläufe zumindest für wahrscheinlich? Plausibel sind sie immer, und das macht es ja so kompliziert. (Info: 2018, bei Erscheinen des Buches, waren die Gespräche noch nicht abgebrochen) 

Wer über solche Unzulänglichkeiten bei Figurenzeichnung und Faktenhintergrund hinwegsehen kann, bekommt wie gesagt einen hervorragenden Thriller voller Spannung, militärischer Details und dem einen oder anderen selten gehörten politischen Detail. 

Meine Bewertung



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