Colson Whitehead: Underground Railroad

Rezension des Romans „Underground Railroad“ von Colson Whitehead

Im Gegensatz zum Themenkomplex Sklaverei ist das Thema der Shoah in der Literatur in Deutschland bereits diskutiert: Kann man das Grauen, den Terror, die Folter und die Entmenschlichungen dessen, was sich in Konzentrationslagern während des Holocaust abspielte, literarisch erfassen? Der Schriftsteller und Holocaustüberlebende Elie Wiesel hatte dazu eine klare Meinung: ein Roman über Auschwitz sei entweder kein Roman oder er handele nicht von Auschwitz.

Es geht hier nicht darum, die Einzigartigkeit der Shoah in Frage zu stellen. Vielmehr erlaubt der Vergleich Rückschlüsse. Natürlich wurden Sklav*innen nicht systematisch ermordet, denn sie waren ein Wirtschaftsgut. Aber gerade deswegen, wegen der Entmenschlichung der weißen Siedler im Umgang mit Sklav*innen, der systematischen Unterdrückung und regelmäßigen Folter, um die zahlenmäßig weit überlegenen Schwarzen von Flucht und Aufstand abzuhalten, überkommt einen oft das Gefühl einer Parallele. Einer Parallele des chauvinistischen, rassistischen Blicks auf sogenannte „Nicht-Menschen“, Juden in Deutschland und Schwarze in Amerika.

Der Ansatz Whiteheads, die Gräuel der Sklaverei in einen Roman zu gießen, schmerzt immer wieder. Dass er die Sklav*innen historisch treu „Nigger“ nennt, so wie es damals üblich war, ist dabei nur der kleinste Stachel. Immer wieder schildert er nebenbei und dennoch detailliert, wie Ausreißer, nachdem sie wieder eingefangen wurden, bestialisch zu Tode gefoltert werden (da war die Abschreckung für die anderen Sklav*innen wichtiger als der Handelswert des Einzelnen). Wie mit Verdächtigen kurzer Prozess gemacht wurde. Wie ganze Städte sich darin gefielen, Straßen mit gehängten toten Schwarzen und selbst deren weißen Helfern zu schmücken. (Nebenbei: die Figuren im Roman sind erfunden, die Gräuel nicht, wie der Hinweis auf seine belegten Quellen noch einmal schmerzhaft deutlich macht.)

Im Mittelpunkt steht Cora, die junge Sklavin, und deren unglaubliche Flucht von der Plantage, auf der sie geboren wurde, durch halb Amerika, auf der Suche nach einem Ort, an dem sie Mensch sein darf.
Immer wieder findet sie Inseln in diesem Meer des Grauens, aber diese entpuppen sich bald als trügerisch. Sklavenjäger stellen ihr nach und treiben sie fortwährend zur Flucht. Dabei hilft ihr bald die Underground Railroad. Der Name klingt symbolisch und war es auch, denn als „Underground Railroad“ wurde ein Netz von schwarzen und weißen Menschen genannt, die Schwarzen bei der Flucht aus den Sklaven-haltenden Südstaaten halfen. In Whiteheads Roman handelt es sich dabei aber um eine reale unterirdische Eisenbahn, ein Schienen-Netzwerk von Strecken und Helfern. Vielleicht nur ein Kunstgriff, aber eben ein kunstvoller, damit der Roman ein Roman bleibt und keine Dokumentation wird.

In diesem Panoptikum des Grauens liefert Whitehead ein unglaublich vielschichtiges Bild der Zeit. Nicht nur Opfer hier und Täter dort. So waren nicht alle Sklavenhalter gleich: Die Plantage, von der Cora flieht, wird von zwei Brüdern geführt, deren Umgang mit den Sklaven sich erheblich unterscheidet, es gab Sklavenjäger, aber es gab auch Weiße, die notfalls einem Schwarzen halfen und es gab eben auch weiße Helfer der Underground Railroad. Auch auf Seiten der Opfer zeigt Whitehead viele verschiedene Verhaltensweisen, vom schwarzen Kind, dass den Sklavenhalter kutschiert und sekundiert, über „Duckmäuser“ bis hin zu den Rebellen, den Flüchtenden, den Aufbegehrenden. Dass nicht alle Menschen gleich sind, ist eine Binsenweisheit. Aber in „Underground Railroad“ geht es um eines der schlimmsten Verbrechen an der Menschlichkeit, und da wird es relevant, dass sich ein jedeR eben auch entscheiden kann, wie er/sie sich dazu verhält.

„Underground Railroad“ ist ein akribisch recherchierter Roman über eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte, fesselnd erzählt durch die Geschichte einer lebenshungrigen Heldin, deren Schicksal einen – trotz aller Grausamkeiten unterwegs – bis zum Ende nicht loslassen. Ein Meisterwerk.

Meine Bewertung



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